Taiwan im Regen

Das war jetzt wirklich ziemlich kitschig. Meine Reisebegleitung hatte auch schon den Finger im Hals angedeutet, als ich zu ihr rübersah. Auf dem Flug nach Taiwan schauten wir uns einige Image-Videos über die Insel an, um ein paar Anregungen für den anstehenden Dreh auf Taiwan zu sammeln. Wir sind auf dem Weg nach Taiwan um dort eine Reisereportage zu drehen. Zurück zum Video. Der letzte Satz in diesem Film endete sinngemäß wie folgt: „Und als wir in das Flugzeug stiegen wussten wir, wir haben hier viele neue Freunde“. An sich sicherlich keine schlechte Sache. Nennt der Protagonist dieses albernen Heimatfilms allerdings dabei vor Allem Leute, die er nach dem Weg gefragt hatte oder die Kellnerin in einem Restaurant, die ihm Taiwan-Bier servierte, bleibt nicht viel Spielraum für Glaubwürdigkeit. Das Schlimme ist allerdings, dass wir am Ende unserer Reise selbst so einigen Reisegefährten  schluchzend in den Armen liegen sollten.

Taiwan im Regen

Ankunft Taipeh

In Taipeh angekommen, erwartete uns am Ausgang bereits Mr. Miyagi, der uns aber auch sogleich weißmachen wollte, er würde Johnny heißen. Wir hielten es zunächst für reine Flunkerei, wollten ihn aber auch nicht weiter verärgern und nahmen es eben so hin wie es war. Mr. Miyagi, pardon, Johnny stellte sich uns als unser persönlicher Reiseführer vor. Sein Deutsch ist ausgezeichnet, er hatte in den 1970ern ein Jahrzehnt in Pforzheim studiert. Man nennt das Taiwanesische Volk auch die Preußen des Ostens – top durchorganisiert. Auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt von Taipeh gingen wir dann auch sofort den perfekt durchgetakteten Programmablauf für unsere Woche auf Taiwan durch. Puh, nicht viel Zeit für Ausbrüche, aber die Aussicht auf die nächsten Tage ist wirklich spannend. Nachdem wir unsere Sachen im Hotel abgegeben hatten, brechen wir sofort wieder auf, um die ersten Bilder unserer Tour einzufangen.

Lichter im Regen

Wir waren nach unserer 18-Stunden-Reise um den Globus schon recht K.O und ich möchte anmerken, dass Menschen mit einer Körpergröße von 1,90 selten bequem fliegen. Und weil mein Reisegefährte eine ähnliche Konstitution mit nach Taiwan schleppte, sangen wir das Lied im Chor. Aber die Müdigkeit verflog rasend schnell, bei den unendlich vielen Eindrücken die auf uns herein prasselten. Ähnliches tat die Sonne und schenkte uns strömenden Regen. Keine Ahnung wieso, aber ich hatte Regenjacken mit. Sogar zwei. Ich und vorbereitet sein. Ich überrasche mich gerne hin und wieder selbst.

Selbst durch einen Vorhang aus Regens scheinen die bunten, beleuchteten Schilder an den Häusern hell und, naja, eben bunt. Wir schauen uns alte Handelsstraßen an, auf denen man Heilmittel kaufen und getrocknete Rehpenisse probieren kann. Letzteres will man wirklich nicht, aber sie sehen total lustig aus.

Der Tanz mit dem Drachen

Obwohl man sich in Asien befindet, fühlt man sich in Taipeh irgendwie heimisch. Alles scheint seltsam vertraut und trotzdem gibt es so vieles zu entdecken. Einem Europäer wie mir ist Taiwan vor allem durch das Label Made in Taiwan und dem seit Jahrzehnten politisch angespannten Verhältnis zu China bekannt. Obwohl Taiwan offiziell als Volksrepublik China bezeichnet wird, distanzieren sich die Menschen Taiwans gerne von Festland-China. In den zahlreichen Gesprächen mit den Menschen, die wir auf den Straßen und in den Restaurants treffen, zeigt man sich sichtlich Stolz auf die Errungenschaften der Demokratie und die faktische Unabhängigkeit von China. Vertieft man diese Gespräche schimmert allerdings auch ein kleiner Funke von  Angst durch. Die Angst vor dem Erwachen des schlafenden Drachen und dem Wiederaufflammen eines Konfliktes, der viele Jahrzehnte alt ist und derzeit in einem Status Quo eine Auszeit genommen hat.

Taiwan im Regen-18

Steinbeißer

Eine ganz besonders interessante Begegnung verdanken wir unserem Johnny. Unter uns: sie stand nicht auf dem Programmplan. Bei einem Taiwanesischen Bier zeigt er uns plötzlich ein Kochbuch. Jaja, die Küche Taiwans ist super, aber was sollen wir mit einem Kochbuch auf Mandarin? Ach, das ist ja gar kein Kochbuch! Das ist ein Buch mit Bildern von Gerichten. Hui, spannend. Oder auch nicht. Was soll das? Johnny erklärt uns was es damit auf sich hat. Alle Speisen in diesem Buch sind Dekorationen aus Stein. Er erzählt uns von einem Sammler, einem Künstler, der sich aus der ganzen Welt Steine mitbringen lässt, die an verschiedenste Gerichte erinnern. Und diese dekoriert er solange um, bis sie täuschend echt nach einem richtigen Gericht aussehen. Wahnsinn! Nichts ist geklebt oder bemalt. Es ist einfach nur die Anordnung. Schweinshaxen, Schokopralinen, Sushi oder Roulladen. Alles dabei! Den Mann müssen wir treffen. Johnny arrangiert ein privates Treffen in der Wohnung des Sammlers. Ein kleines Appartment in einem alten Stadtteil Taipehs. Auf dem Weg zu dem Mann wird uns erklärt, dass man zu solch später Stunde, es ist ca 19:00 Uhr, normaler Weise keine Gäste empfängt. Es ist ja schließlich Abendessenszeit. Vor der Tiefgarage winkt ein älterer, leicht verrückt dreinschauender Herr mit den Armen. „Hier entlang!“ Wir folgen und fahren hinunter. Das ist er also. Die Begrüßung ist herzlich aber bestimmt. „Schön, dass Ihr gekommen seid – Herzlich Willkommen!“ Wir nehmen den Fahrstuhl und landen wenig später in einer klitzekleinen,  verkramten Wohnung. Seine Frau begrüßt uns ebenfalls herzlich, es gibt Tee aus Pappbechern und Pizzasandwiches in Plastiktüten. Hm….In die Steinmenüs möchte man lieber beißen, aber gut. Schmeckt ok, essen aber trotzdem nicht auf. Verzeihung. Kurz darauf werden wir in einen Nebenraum geführt. Wow! 300 angerichtete Menüplatten und alle sehen täuschend echt aus. Sichtlich stolz gibt er uns ein Interview und zeigt uns seine Lieblingsgerichte. In ganz Asien habe er schon ausgestellt und nächste Woche würde es nach Japan gehen. Schön schräg. Zum Abschied werden wir nochmal gedrückt und mit seinem Buch beschenkt. Eine schöne Begegnung und diese stand auf keinem Programmplan. „Nur auf das Ziel zu sehen, verdirbt die Lust am Reisen“, sagte einst der Dichter Friedrich Rückert. Ich stimme zu.

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Versprechen

Soviel erlebt und erst ein Tag rum? Wie soll das nur weitergehen? Morgen früh setzen wir uns in den Zug nach Kaohsiung in den Süden des Landes. Johnny wird uns durch das traditionelle Taiwan führen. Taipeh hat schon mal gut vorgelegt. „Und das ist noch gar nichts“, beschört Johnny. Wir sind gespannt und werden berichten……..

Pssssst…hier gehts zur Videoreportage, die ich für tv.berlin gedreht habe.

 

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