Marokko – Roadtrip to Essaouira

Mit einer Reise nach Marokko habe ich eigentlich immer Paulo Coelhos „Der Alchimist“ verbunden. Gerüche die Sehnsüchte wecken, viel zu viel Sand, Menschen die in traditionellen Gewändern über Märkte schlendern und am Ende der Reise einen Schatz finden. Zugegeben ziemlich albern mit solchen Fantasien im Kopf nach Essaouira aufzubrechen. Völlig daneben lag ich dann aber doch nicht…

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Roadtrip hört sich schon sehr nach tausenden Kilometern harter Piste an. So tough sind wir aber nicht. Tatsächlich sind es vom Ausgangspunkt Agadir bis nach Essaouira nicht einmal 100 Kilometer. Doch diese paar Kilometerchen geben eine wirklich ganz entzückende Seite Marokkos preis. Entlang der geschwungenen Küstenstraßen sollte man nicht zu schnell fahren. Dies sei nicht aus Sicherheitsgründen erwähnt. Gut, das auch, doch eigentlich ist es eher als Hinweis gemeint. Denn man könnte etwas schönes verpassen. Dem flüchtigen Blick offenbaren sich nämlich lediglich Sträucher, marode Häuser und eine ganze Menge Staub.

Wir haben Agadir nun schon eine Weile hinter uns gelassen. Wir sind an einem kleinen Surferstädtchen vorbeigekommen und haben das funkelnde Meer und seine gleichmäßig und langsam brechenden Wellen zu unserer Linken bestaunt. Hinter einer Kurve eröffnet sich uns irgendwann eine skurrile Szenerie.

Die Ziege im Baum

Wieso steht ein in blauer Kfz-Montur gekleideter, alter Mann mitten auf einem steinigen Feld? Hat er sich verlaufen? Ist er verwirrt? Hat er durst? Es ist doch heiß! In seiner Hand hält er das typische Handwerkszeug eines Hirten. Neben ihm ein Hund, um ihn herum: nichts. Keine Schaafe, Schweine, Ziegen oder sonst ein Tier, dass es zu hüten lohnen würde. Dafür 4 oder 5 Bäume mit verrückt gewachsenen Ästen. Was dem Saint-Exupéry sein Affenbrotbaum, ist der Region um Agadir der Ziegenbaum. So erzählte man uns und dies scheinen sie zu sein. Ist es die Neugier des Journalisten? Der Leichtsinn eines Großstadtkindes? Spielt ja auch keine Rolle, wir müssen uns das anschauen und bitten unseren Fahrer zu halten. Gesagt, getan. Mit unserem Dolmetscher an der Hand nähern wir uns dieser ulkigen Szene und fragen uns bereits einen Augenschlag später woher das ganze Gemecker kommt. Es ist schon etwas länger her, seit wir das letzte Mal etwas getrunken hatten. Daher ging der erste Gedanke in Richtung Wasserflasche, die wir im Auto vergessen hatten. Scheinbar schlägt die Dehydratation in Marokko besonders fix zu. Meine erste Fata Morgana! Das könnte man eigentlich auch feiern. Werden wir später tun, nun müssen wir erst einmal wieder klare Gedanken fassen. Ein klarer Blick zum Mann im blauen Gewand, sein Finger zeigt nach oben, unsere Augen folgen. Achso! Die Herde ist in den Bäumen zwischengeparkt. Macht ja auch Sinn. Wo auf dem Boden kein Gras wächst, knabbert man halt die Blätter in den Baumkronen. Wie bitte? Wieso können Ziegen eigentlich klettern? Vielleicht sollte man einfach nicht alles hinterfragen. Es ist wie es ist, die Ziegen sind dort oben, meckern und futtern munter vor sich her. Und unser Ziegenhirt freut sich darüber, wie leicht man uns Westeuropäer zum Staunen bringen kann. Staunen tun wir auch in dem Moment wo dieser weit über 80 jährige plötzlich lossprintet, um eine ausgebüxte Ziege einzufangen. Der Mann ist fast taub, hat nur noch einen einzigen lustigen Zahn, aber rennt wie ich mit 20. Bemerkenswert. Seine Einladung zum Tee war wirklich lieb, aber wir hatten doch Termine. Die Verabschiedung war herzlich. Schließlich kannte man sich ja nun.

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The Art Of Eseling

Im Wagen ging der griff dann doch sofort zur Wasserflasche. Man weiß ja nie.
Wann hatte ich eigentlich das letze Mal einen Esel gesehen? Das muss im Streichelzoo gewesen sein. Vor zehn bis fünfzehn Jahren. Hier trifft man dieses putzige Tier an jeder Ecke, denn es ist sowohl gängiges Fortbewegungsmittel, als auch Kleinraumtransporter. Wir freuen uns jedenfalls und feiern diese Tiere. Wirklich jedes Mal. Hundertmal. Es wird anstrengend. Stark belustig über unsere eigenartige Zuneigung zu diesem 1 PS-ler, biegt unser Fahrer plötzlich ab und fährt ins Landesinnere vorbei an alten, bunten aber kaputten Häusern, über belebte Nebenstraßen in einen kleinen Ort. Etwas irritiert über diesen ungeplanten Abstecher schauen wir uns gegenseitig an und erkennen bereits wenige Sekunden später das Ziel seiner Mission: eine Eselfarm! Oder eher ein Markt? Gefühlte 300 Esel warten auf einen neuen Besitzer. Die ersten Angebote für ein Eselgespann samt Familienkutsche lassen nicht lange auf sich warten. Wir zeigen auf unsere Familienkutsche und erwähnen, dass wir uns nicht vorstellen können, wie wir die Esel nach Deutschland bekommen. Einsichtiges Nicken, wenn auch mit leicht enttäuschtem Blick. Damit hatte man nicht gerechnet. Fünfzehn Jahre keinen Esel gesehen und jetzt stehen 300 dieser Sturköpfe vor mir. Ja, man kann mich leicht beeindrucken. Super!

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Ohne Esel im Gepäck ziehen wir weiter entlang der Küste Richtung Essaouira. Unser ständiger Begleiter bleibt das Meer. Ein guter Reisegefährte und geradezu ein Paradies für Surfer. Constant Swell all day long. Und nicht erst, als wir in Essaouira eintreffen sehen wir die ersten Surfer im Wasser. Die gesamte Küste scheint ideale Bedingungen für einen respektablen Surf zu bieten. Toll, denn so kann man sich auf dem Wasser getrost aus dem Weg gehen und  braucht sich die Wellen nicht mit anderen zu teilen. Ein Traum: Jedem seine eigene Welle. Das nächste Mal kommt mein Surfboard mit.

Angekommen

Essaouira ist toll. Durchschreitet man die weißen Stadtmauern zeigen sich viele kleine Gassen, die zu einer Entdeckungstour einladen. Wir sind zum Abendessen in einem kleinen Riad verabredet und genießen während des Essens den fantastischen Blick über die Dächer Essaouiras. Das Restaurant befindet sich nämlich auf einem der höheren Gebäude der kleinen Stadt. Als sich die Sonne langsam auf den Weg in den verdienten Feierabend macht und noch im scharfen rot nachleuchtet, kann man das Lächeln im Gesicht der Surfer am Horizont erahnen.

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Essaouira bei Nacht erfüllt dann aber doch noch ein Klischee. Und zwar das von bunten Märkten mit Gewürzpyramiden, handgeknüpften Teppichen und unzähligen, aufregenden Gerüchen. An jeder Ecke innerhalb der Stadtmauern haben Händler Ihre Stände  aufgebaut und kleine Bars ihre Tore geöffnet. Treiben ohne Hektik, Stimmen ohne Lärm. Hier könnten wir uns stundenlang aufhalten, doch die vielen Eindrücke haben uns müde gemacht. Wir suchen unser Hotel auf und freuen uns auf einen neuen Tag. Irgendwas mit Ausflügen auf dem Rücken von Pferdes und freien Dromedarherden am Strand. Marokko hat noch viele Geschichten zu erzählen. Meine Empfehlung: vorbeikommen und zuhören.

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